Prolog

Gunter Geiss zählt zu jenen durch die Geschichte hindurch wiederholt zu beobachtenden Doppelbegabungen, man denke an Felix Mendelsohn Bartholdy oder Arnold Schönberg, die sowohl musikalisch wie bildnerisch wirken. Als Musiker und als Maler ausgebildet, hat Geiss nicht nur durch besondere Transparenz beeindruckende Interpretationen Bach'scher Orgelwerke auf Tonträger vorgelegt, sondern auch über Jahrzehnte ein beachtliches zeichnerisches und malerisches Werk geschaffen. Dass sich hierin thematische Verbindungslinien zur Welt der Musik finden, wie etwa in der Zeichnungsserie Hommage à Sergiù Celibidache, überrascht wenig. Gleichwohl weist das Œuvre Gunter Geiss' weit vielfältigere kontextuelle Bezüge auf, darunter literarische Vorwürfe (Trakl, Kafka, Borchert) ebenso wie die fremden Kulturerfahrungen einer Chinareise oder die Eindrücke heimischer, mittel- und nordeuropäischer Landschaften. Und immer wieder steht der Mensch im Mittelpunkt, als Individuum, als Paar, in Gruppen, oder auch der Künstler im Selbstbildnis.

Einer solchen thematischen Ausrichtung folgend, bewegt sich die Bildsprache weitgehend im Bereich des Gegenständlichen. Jenseits kurzlebiger Zeitströmungen, aber auch erstarrter Stilkonventionen hat Geiss dabei eine persönliche Ausdrucksform entwickelt, welche die Wiedergabe der visuellen Wirklichkeit in hohem Maße mit dem inneren (Mit-)Erleben des Künstlers verbindet. Sein Interesse ist nicht vorrangig auf die sichtbare Oberfläche der Welt gerichtet. Vielmehr transzendiert Geiss die äußere Wirklichkeit in einem Prozess bildnerischer Aneignung, in dem Außenbilder und Innenbilder zur Deckung gelangen. Mehr noch als die Malerei zeigen dies die aus dem Augenblick heraus gewonnenen zeichnerischen Arbeiten.

In jüngerer Zeit manifestiert sich zunehmend ein neuer Aspekt im Werk Gunter Geiss'. Von den chinesisch inspirierten, kalligrafisch ornamentalen Bildformen weitergehend, hat Geiss in den letzten Jahren vermehrt abstrakte Bilder geschaffen. Mit dem Fehlen außerbildlicher Bezüge werden Farb- und Formwerte zum alleinigen Träger der künstlerischen Mitteilung. Vor diesem Hintergrund kommt in den Malereien Gunter Geiss' dem Zusammenklang der Farben wie dem Rhythmus der Bildelemente eine besondere Bedeutung zu. Somit schlagen diese Bilder wiederum eine Brücke zum Musikalischen, leben sie doch nicht zuletzt aus jener Nähe von Tonkunst und Bildkunst, wie sie auch im künstlerischen Denken und Tun eines Wassily Kandinsky oder eines Paul Klee aufscheint.

Reinhard Buskies
Kurator und Vorstandsmitglied des Kunstvereins Bochum



Gunter Geiss, Nordendstrasse 2, 80799 München
Kontakt: GunterGeiss@googlemail.com